Lager und zivile Außenwelt

Der doppelte Stacheldrahtzaun, der das Lager umgab, grenzte die Häftlinge nicht nur gegenüber der Außenwelt ab, sondern beschränkte umkehrt auch den Zugang der zivilen Außenwelt zum Lager. Schon eine Näherung an das Lagerareal war den TrostbergerInnen verboten. Aus diesem Grund war bereits der Zufahrtsweg zum Lager mit einem Schlagbaum abgesperrt.

 

Trotz dieser hermetischen Trennung und den Lebensbedingungen die kaum unterschiedlicher hätten sein können, gab es zahlreiche Gelegenheiten und Situationen in denen Zivilbevölkerung und Häftlinge aufeinandertrafen. Da die Häftlinge größtenteils außerhalb des Lagers arbeiten mussten, war es unvermeidlich, dass die Bevölkerung die Häftlinge, die nicht nur durch ihre Kleidung, sondern auch durch ihren Gesundheits- und Ernährungszustand auffielen, zu Gesicht bekam.

 

Kontakt auf öffentlichem Grund

 

 

 

 

Zu den Einsätzen außerhalb des Lagers und des Firmengeländes der Süddeutschen Kalkstickstoffwerke (SKW), mussten die Häftlinge unter Bewachung der SS marschieren. Die Arbeitsplätze befanden sich dabei zum Teil direkt in der Stadt. Auf Grund der Bewachung durch die SS war dabei kaum eine engere Kontaktaufnahme zwischen Häftlingen und Bevölkerung möglich. Dennoch kam es gelegentlich dazu, dass den Häftlingen in derartigen Situationen Essen zugesteckt wurde.

Kontakt auf dem SKW-Gelände

 

Die Halle der SKW, in der die Häftlinge für BMW arbeiten mussten, befand sich mitten auf dem Gelände der SKW. Die betreffende Halle war zwar notdürftig abgetrennt und die Häftlinge wurden auch hier streng von SS-Männern bewacht. Zustätzlich galt außerdem ein Fraternisierungsverbit zwischen deutscher Bevölkerung und Häftlingen. Dennoch kam es zwischen den bei der SKW beschäftigten Arbeitern und den Häftlingen des Außenlagers zum Teil zu engeren Kontakten. Dies war vor allem möglich, da es den Arbeitern zum Beispiel zu Reparaturarbeiten möglich war, die von BMW genutzte Halle nahezu frei zu betreten. Zur Kommunikation nutzten Arbeiter und Häftlinge dann schlecht einsehbare Bereiche in der Halle, die von Häftlingen und Arbeitern gleichfalls benutzte Toilette, oder einfach unaufmerksame Momente der Bewacher.

 

Hilfe durch die Zivilbevölkerung

 

Der Kontakt zur Häftlingen wurden von den TrostbergerInnen häufig dafür genutzt den Häftlingen, deren elenden Lebensbedingungen offensichtlich waren, zu helfen. Sowohl in der Fabrikhalle als auch im öffentlichen Bereich wurde den Häftlingen dabei vor allem Lebensmittel in die Hand gedrückt. Nicht immer war diese Hilfe jedoch rein altruistisch. Zum Teil wurden die Lebensmittel von den Arbeitern nicht verschenkt, sondern gegen von den Häftlingen gefertigte Schmuckstücke getauscht.

Ein Zeitzeuge beschreibt zudem, dass der Bewirtschafter des Landwirstchaftsbetriebes "Gut Götzing", der die Felder rund um das Lager bestellte, wenn sich kein Wachposten in dern Nähe befand, manchmal etwas selbstangebauten Tabak unter den Lagerzaun legte. Dort wurde der Tabak später von Häftlingen abgeholt. Tabak stellte für die Häftlinge ein wichtiges Tauschmittel dar, um innerhalb des Außenlagers Waren oder ein bessere Stellung innerhalb der Häftlingshierarchie zu erlangen.

Der Kontakt zur Zivilbevölkerung bot für die Häftlinge oft auch eine der wenigen Möglichkeiten ohne Zensur zu Familie und Freunden außerhalb des Lagers Kontakt aufzunehmen. Der slowenische Häftling Miroslav Križnar konnte über einen Arbeiter der SKW die Zensur der Poststelle des Lagers umgehen und eine Postkarte an eine Bekannte schreiben.

 

Dass nicht alle TrostbergerInnen den KZ-Häftlingen positiv gegenüberstanden, zeigt das Beispiel des Trostberg NSKK-Führers, der bei der Teilevakuierung des Außenlagers feststellte: "Die Kz-ler sind so lauter Gauner und Halsabschneider, sie erbarmen mir nicht."

 

Das ambivalente Verhalten der Trostberger BürgerInnen gegenüber den KZ-Häftlingen ist nicht nur auf die unterschiedlichen politischen Hintergründe und Ideologien zurückzuführen. Daneben verfügte auch jede/r Einzelne über eine unterschiedlich hohe Bereitschaft persönliche Risiken auf sich zu nehmen um die Situation eines einzelnen Häftlings zu verbessern.